Geschichte

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 begann die soziale, rechtliche und wirtschaftliche Ausgrenzung der in Deutschland lebenden Juden. Ziel der zahlreichen antisemitischen Maßnahmen war die Isolierung der jüdischen Bevölkerung sowie ihre erzwungene Auswanderung. Vor diesem Hintergrund wurde im Januar 1939 auf Anordnung Görings die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland gegründet. Mit ihr schuf der NS-Staat eine zentrale Organisation, die zunächst vornehmlich die Emigration von Juden aus Deutschland umzusetzen hatte. Zugleich verschärfte die Gründung der Reichsvereinigung die Isolierung der Juden, indem separate „jüdische Strukturen“ aufgebaut bzw. zementiert wurden.
Personell und organisatorisch knüpfte die Reichsvereinigung an die „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ an, die von der Gestapo mit dem Aufbau beauftragt wurde und zugleich in der Reichsvereinigung aufging. Die Reichsvertretung war 1933 von verschiedenen jüdischen Organisationen als Interessensvertretung unter dem Namen „Reichsvertretung der deutschen Juden“ gegründet und 1935 zwangsweise in „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ umbenannt worden.

Im Unterschied zur Reichsvertretung handelte es sich bei der Reichsvereinigung um eine Zwangsorganisation; sämtliche im Altreich lebenden deutsche und „staatenlose“ Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, mussten ihr als Mitglieder angehören, vollkommen unabhängig von ihrem Selbstverständnis. Die Reichsvereinigung unterstand direkt der Gestapo (bzw. dem Reichssicherheitshauptamt) und wurde von dieser unmittelbar kontrolliert. Ihre Zentrale befand sich in der Kantstraße in Berlin-Charlottenburg. Dieser unterstanden regionale Bezirksstellen, denen wiederum die größeren Jüdischen Gemeinden als „örtliche Zweigstellen“ nachgeordnet waren. Kleinere Gemeinden mit weniger als 1.000 Mitgliedern gingen in den Bezirksstellen auf. Die Jüdischen Gemeinden und ihre Wohlfahrtseinrichtungen wurden so faktisch Teil der Reichsvereinigung.

Gemeinsam mit den ihr unterstehenden Gemeinden war die Reichsvereinigung für sämtliche Lebensbereiche der Juden „zuständig“ u. a. die Organisation des jüdischen Schulwesens und Wohlfahrtstätigkeit wie Armenhilfe, Krankenhäuser.  Auf Anordnung der Gestapo hatte die Reichsvereinigung zudem antijüdische Anordnungen und Restriktionen an ihre Mitglieder weiterzugeben.

Für die Verwaltung ihrer Mitglieder verfügte die Reichsvereinigung über verschiedene Namenskarteien, die ständig aktualisiert wurden und die teilweise lange vor der Gründung der Reichsvereinigung angelegt worden waren.

Nach dem weitgehenden Abschluss der Deportationen zog die wesentlich verkleinerte Reichsvereinigung im Juli 1943 auf das Gelände des Jüdischen Krankenhauses in Berlin-Wedding um. Fast alle Funktionäre waren bis zu diesem Zeitpunkt deportiert worden. Bei den im Wedding verbliebenen Mitarbeitern handelte es sich fast ausschließlich um Juden in „Mischehe“, die sich um die wenigen noch im Reich verbliebenen Juden, ebenfalls zumeist in „Mischehe“ lebend, zu kümmern hatten. Die Reichsvereinigung wurde am 20.09.1945 durch die Alliierte Control Commission endgültig aufgelöst.

Bestandsgeschichte

Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland  war 1941 zur Erstellung dieser Meldekarten, die der Gestapo für die Auswahl der Deportierten diente, verpflichtet worden.

Der Bestand wurde in mehreren Lieferungen in den Jahren zwischen 1947 und 1950 von verschiedenen Stellen, auch von unbekannter Seite, an den ITS abgegeben. Dies weisen 14 Karten der Inventurkartei des ITS nach, worauf die Altsignaturen hinweisen.

Laut Zugangsbeschreibungen stammen die Karten von: „Jewish Cultural Committees Germany; Unkown; Various Volks- and Mittelschulen der Jüdischen Gemeinde, Berlin; Verschieden, Reichsvereinigung der Juden in Deutschland – Berlin, Kultusvereinigung und Synagogen, Gemeinden; aus allen Teilen Deutschlands, Kulturkomitee, Jüdische Gemeinden in Deutschland“.

Es erfolgte eine Neuordnung des Bestands in alphabetischer Reihenfolge, das Einlegen von Hinweiskarten sowie die Erschließung über die Zentrale Namenkartei. Die Kartei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland ist nicht vollständig. Im Zuge der Suchdiensttätigkeit sind Karten aus dem Bestand entnommen und in andere integriert worden, z. B. in die T/D-Fallaktenablage. Im Zuge der Umstellung auf elektronische Verfahren wurden die 14 Zugänge in neun Inventardaten umgewandelt und mit „Signaturen“ versehen. 2014/2015 wurde der Bestand indiziert.

Im Zusammenhang mit dieser Arbeit wurden Fehler in der alphabetischen Ordnung der Karten korrigiert und entnommene Karten wieder eingelegt. Das Wiedereinlegen der Karten ist ein laufender Prozess, aufgrund dessen bei der Kartei weitere Informationszuwächse zu erwarten sind.

Bestandsbeschreibung

Ein großer Teil der Karten lässt sich einer der folgenden Teilkarteien zuordnen: Schülerkartei, Verstorbenenkartei, Emigrationskartei und Ausländerkartei. Während es sich bei den Karten der Schülerkartei i.d.R. um Registrierungen im Rahmen der Schulverwaltung handelt, sind die anderen Karten als Meldekarten zu charakterisieren, mit denen u.a. die Bezirksstellen die Zentrale der Reichsvereinigung in Berlin über Veränderungen in den Daten der Mitglieder informierte. Zusätzlich befinden sich in der Kartei vom ITS ausgestellte Karten. Es handelt sich dabei in der Mehrzahl um Querverweise auf Namen innerhalb der Kartei. Vereinzelt befinden sich darunter auch Karten, die auf entnommene Originalkarten verweisen, welche jedoch nicht mehr auffindbar sind. Ebenso befinden sich in dieser Gruppe Suchkarten, die das Schicksal eines/ einer Verfolgten nachzeichnen und die Suche nach ihnen dokumentieren. Des Weiteren befinden sich Karten des Sonderstandesamtes Bad Arolsen im Bestand. Diese enthalten i.d.R. die Lebensdaten der Personen und Angaben zu deren Partnern. Diese Karten wurden nicht entnommen und ebenfalls als ITS-Karten  gekennzeichnet (vgl.: Allgemeine Anmerkungen mit der Aufstellung der vergebenen Attribute).

Organization / Arrangement

Die Karteikarten wurden durch den ITS alphabetisch nach dem Nachnamen der erstgenannten Person geordnet.

Zugangsbeschränkungen

Die Kartei ist vollständig digitalisiert und aus konservatorischen Gründen grundsätzlich nur in digitaler Form einsehbar.

Nutzungsbedingungen

Für die Anfertigung von Reproduktionen von Karteikarten im Rahmen der Forschung gilt die Gebührenordnung des ITS.

Andere Findmittel

DE ITS 0.1 Zentrale Namenkartei

DE ITS 0.2 Inventurkartei „Kriegszeitdokumente“ (1945-1951)

Digitale Kopien

Digitale Kopien der ITS Sammlungen existieren bei:
Archives de l'État en Belgique, Brüssel, Belgien; Archives Nationales, Pierrefitte-sur-Seine, Frankreich; Yad Vashem, Jerusalem, Israel; Centre de Documentation et de Recherche sur la Résistance, Luxemburg; Instytut Pamięci Narodowej (IPN), Warschau, Polen; US Holocaust Memorial Museum (USHMM), Washington, D.C., USA; The Wiener Library, London, Vereinigtes Königreich

Korrespondierende Bestände

Im ITS liegen mehrere Sammlungen/ Bestände, die mit der Kartei der Reichsvereinigung der Juden korrespondieren, u. a.:

ITS Archive, 6.3.3.2 T/D-Fallablage

Außerhalb des ITS sind diese korrespondierenden Bestände zu benennen:

BArch, R 8150, Reichsvereinigung der Juden in Deutschland;

Centrum Judaicum, 2 B 1 Reichsvereinigung der Juden in Deutschland

Literatur

International Tracing Service (ITS), Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, FU Berlin (Hrsg.), Kartei-karten und Menschen – Fenster in die Vergangenheit. Die Kartei der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland im Archiv des International Tracing Service (ITS), Pädagogische Handreichung, Bad Arolsen 2014. (https://www.its-arolsen.org/bildung/paedagogische-materialien/karteikarten-und-menschen/)

Jah, Akim, Letzte Spuren, Die „Reichsvereinigungs-Kartei“ im Archiv des ITS, in: Rebecca Boehling, Susanne Urban, René Bienert (Hrsg.), Freilegungen. Überlebende-Erinnerungen-Transformationen, Göttingen 2013, S. 17-28.

Jah, Akim, Forgotten Aspects of the Holocaust in Germany. The Ausländerkartei and Schülerkartei in the Card File of the Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, in: Rebecca Boehling, Susanne Urban, Elizabeth Anthony, Suzanne Brown-Fleming (Hrsg.), Freilegungen. Siegelungen der NS-Verfolgung und ihrer Konsequenzen, Göttingen 2015, S 116-124.

Meyer, Beate, Tödliche Gratwanderung. Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland zwischen Hoffnung, Zwang, Selbstbehauptung und Verstrickung (1939-1945), Göttingen 2011.

Meyer, Beate, Handlungsspielräume regionaler jüdischer Repräsentanten (1941-1945). Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland und die Deportationen, in: Die Deportation der Juden aus Deutschland. Pläne – Praxis – Reaktionen 1938-1945 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 20), Göttingen 2004, S. 63-85.

Schubert, Franziska, Neue Wege der Erschließung im ITS. Die Indizierung der Kartei der Reichsvereinigung der Juden – ein Pilotprojekt, in: Rebecca Boehling, Susanne Urban, Elizabeth Anthony, Suzanne Brown-Fleming (Hrsg.), Freilegungen. Siegelungen der NS-Verfolgung und ihrer Konsequenzen, Göttingen 2015, S. 215-222.

Weiteres

Originale